Ich lese gerade Sven Hillenkamps Buch, in dem er über das Gefühlsleben der Menschen im Zeitalter der unendlichen Freiheit philosophiert. Man könnte sagen, es geht darin um die unerträgliche Freiheit des Seins und dem Bewusstsein über die unendlichen Möglichkeiten. Weil wir uns bewusst sind, dass jeder Mensch ein potentieller Partner sein könnte, egal wann und wo, machen uns die Möglichkeiten zu ewig Suchenden. Er meint, die Liebessuchenden, die wir letztendlich alle sind, werden zwangsläufig zu Sexsuchenden.
Die Unendlichkeit sei eine Sache der Wahrnehmung. Durch das, dass wir heute mit so viel mehr Wahrnehmbarem konfrontiert werden, als wir physisch eigentlich im Stande sind wahrzunehmen, sind wir der Unendlichkeit ausgeliefert. «Das Bewusstsein setzt alles zusammen, was sich zusammensetzen lässt.» So werden wir also immer unfähiger in einem anderen keine Möglichkeit zu sehen.
«Durch Jahrtausende hindurch hatten die Menschen die grösste Angst vor dem Sehen. Sie fürchteten Augenlust und Augensucht, die Begierde, die geweckt wird durch den Blick. Sie wussten: Wer sich umdreht, um zu Sehen, bleibt erstarrt vor dem Bild. Die Unschuld, deren Wesen das Unwissen ist, ist für immer verloren. Kein Bild hört im Herzen auf zu sein. ... Ein Mensch, der eine Erfahrung gemacht hat, wird sein Leben lang erfahren bleiben. Die Unend-lichkeit der möglichen Partner ist eine irreversible Erfahrung, ein unvergesslicher Anblick. ... Die Angst vor dem Sehen ist verschwunden. Die freien Menschen betreten Räume, schlagen Zeitungen auf, schalten Apparate ein, klicken auf Symbole und sehen hin, ohne Furcht. ... Das Internet ist eine Technik, die den Menschen dazu dient, alles zu sehen. ... Alle wollen sehen, sie können nicht mehr anders. Die Menschen bewegen sich mit grosser Geschwindigkeit durch Städte, Fernsehkanäle, das Netz. Doch in Wahrheit stehen sie still. Sie sind gezwungen ihre erotischen Möglichkeiten – im doppelten Sinn des Wortes – wahrzunehmen.»
Hillenkamp meint, dass es eine Möglichkeit gibt, die Unendlich-keit zu besitzen, wenn auch nur für einen Moment: im Sex. «Im Sex mit einem, der nicht ihr Partner ist, noch nicht, einem Dritten, einem Passanten.» Nur im Sex mit einem, der noch zur unendlichen Masse gehört, werde man für kurze Zeit von der Suche erlöst. «Alles im Innern der Menschen wird ruhig, macht einer Ruhe Platz, einer Erregung.»
Ich habe Mühe das Buch aus der Hand zu legen. Hillenkamps Thesen sind äusserst interessant und fesselnd. Es sei jedem Suchenden und auch jedem, der meint es nicht zu sein, wärmstens empfohlen.
'Das Ende der Liebe – Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit', Sven Hillenkamp, dtv


























